11. Januar 2018

Aschenkuss



Aschenkuss 

Die nackten Schären, ein Aschenkuss,
die alte Esche, Yggdrasil
schält sich
wie du
aus deinen Leinen

Wir malen einander, an der Luft
befestigt sich
ein schmerzhaftes Kräuseln,
verschmutzt erlaubte Berührungen
auf den Felsen unserer Haut

Ein Korridor, des Schreies voll,
er kommt, eine Liebe im Festanzug
tritt vor mich:
ein heftiger Kuss, grob
die Begegnung 
zweier Gleichen

Strömungen
aus dem Innersten ins Innerste;
das Salzwasser spült tröstend
das ganze Schwarze weg.


© Riikka Johanna Uhlig 2018

4. Januar 2018

Eine Geschichte aus dem finnischen Lande



Hühner, Kacke!


Ich komme aus einem guten Hause mit gebildeten Eltern. Zu gutem Hause gehört, dass die Eltern ihren Kindern Gute-Nacht-Geschichten lesen oder erzählen oder ein paar Wiegenlieder singen. Bei uns war Mutti fürs Singen zuständig, da sie, anders als Papa, singen konnte, also blieb Papa nur Lesen oder Erzählen übrig. Am liebsten war es mir, als er über „Die alten Zeiten“ erzählte. „Früher, als ich klein war und auf dem Lande lebte…“, begannen seine Geschichten, die ich immer wieder hören wollte. Als Vorstadt-Innenseeinsel-Kind faszinierten mich die Tiere, das Jagen, das Fischen, das Alles-Selber-Machen – und Papa war ein guter Erzähler. Eine der Geschichten begann damit, dass sie auf dem Bauernhof „Havula“, was soviel bedeutet wie „Der Hof am Nadelwald“, ein Plumpsklo mit zwei Löchern hatten.

Bekannterweise suchen sich Hühner einen bequemen, warmen Platz, wo sie ihre Nester bauen. Wenn überdacht, noch besser. Also kam eine der glücklichen, frei laufenden Legehennen auf die Idee, ihr Nest unters Klo zu bauen. Dieser Platz stand zur Verfügung, da die Familie nur eins der Löcher des zweilöchrigen Aborts benutzten. Das zweite Loch, links, war für die Gäste bedacht. Und so wie es damals auf dem ostrobottnischens Lande üblich war, kam auch in diesem Sommer unerwartet Besuch. „Heute habe ich nicht so viel zu tun, auch ist Kaffee fast alle – ich nehme mal das Fahrrad und besuche die Nachbarn, die nur zehn Kilometer weiter wohnen.“ Und da an der ostrobottnischen Küste alles flach ist, und damals hielt sich auch der Verkehr in Grenzen, war es einfach und sogar empfehlenswert die ganze Familie mitzunehmen. Denn gelegentliches soziales Leben ist um so wichtiger, je weiter die Nachbarn wohnen. Zwei auf dem Fahrrad, drei auf Polle, dem alten Wallach, Frau und die zwei größten Töchter hinterher laufend (denn in Ostro-Bottnien gehen die Menschen immer hintereinander und nicht wie zum Beispiel in Berlin zu zweit nebeneinander Händchen haltend). Das Ziel dieses spontanen Besuches war an diesem sonnigen, oder vielleicht auch bewölkten, aber nicht sehr wahrscheinlich regnerischen, Tag, der Hof am Nadelwald.

Im finnischen Ostro-Bottnien (und andere Ostro-Bottnien gibt es gar nicht, denn die schwedische Küste auf der anderen Seite der bottnischen Bucht heißt ja Westro-Bottnien oder sowas in der Art, da sie ja im Westen liegt) herrscht stets ein Wettbewerb zwischen den Nachbarn, wer wie viele Sorten Gebäck und belegte Brote auftischen kann. Die Qualität zählt natürlich, also wer zum Beispiel den besten Käse macht. Aber noch wichtiger ist die Asuwahl an verschiedenen Sorten. Deswegen wird alles Genießbare auf dem Tisch getragen, was im guten Haushalt zu finden ist. Es ist keine Seltenheit, zum Kaffee Fischbrote anzubieten oder zum Hefegebäck „pulla“ eingelegte rote Beeten. Essen, halt, und viel Kaffee. Kaffee gibt es immer: im Sommer, im Herbst, im Winter, im Frühling, zu Weihnachten, zum Mittsommerfest, zum Namenstag, zum jeden Tag, früh, spät, nachmittags, abends, nur nachts nicht, außer zu Weihnachten. Und wer viel Kaffee trinkt, muss bekannterweise irgendwann aufs Klo.

Und so geschah es, dass die Nachbarsfrau noch vor der Rückfahrt den aus Holzbrettern gebauten Abort aufsuchen musste. Die Kinder des Hauses, die noch kurz vorher ganz artig mit den Nachbarskindern im Vordergarten gespielt hatten, merkten dies natürlich und machten sich aus dem Staub um zu sehen, auf welches Loch die Nachbarsfrau sich setzt. Ob auf das Hausherrenloch oder das Gästeloch, unter dem die Henne, die übrigens „Ruustinna“ oder vielleicht auch „Justiina“ hieß, ihr feines Nest gebaut hatte. Belustigt über die möglich auf sie zukommenden Geschehnisse versteckten sich die Hauskinder in einem Busch hinter dem genannten Gebäude. Gebückt unter den Ästen versuchten sie zu sehen, ob nun irgendwas auf das Hühnernest fällt oder läuft.

So schön es wäre, dieser Erzählung ein lustiges Ende zu dichten, passierte dies vermutlich nicht. Denn das Ende der Geschichte habe ich bereits vergessen, und wäre es lustig gewesen, hätte ich es wohl nicht vergessen. Vielleicht habe ich es auch nie gehört. Möglicherweise kam die Hausherrin, meine Oma die Helmi hieß (was übrigens Perle bedeutet), dazu, und trieb die Kinder weg. Ob die Eier aus diesem Neste jeweils gegessen wurden, blieb mir unbekannt, aber wahrscheinlich doch, denn man wäscht sie ja oder wischt sie zumindest ab, bevor man sie kocht oder brät – sonst könnte ja etwas Unerwünschtes darauf bleiben. Hühnerkacke, etwa. 


22. November 2017

Als ich ein Buch aus dem Eis fischte

Ich war mal eisfischen. Es ist ganz lange her, damals konnte ich nocht nicht lesen, und von Fischen verstand ich auch nicht allzuviel. Mein Papa aber wollte an ein Eisfischenwettbewerb teilnehmen, und da Mama backen wollte und ich es langweilig fand, habe ich Papa Gesellschaft geleistet.

Es war Matschwetter, und die besten Fischplätze waren schon besetzt. Also haben wir eine zweitbeste Stelle gesucht und ein Loch gebohrt. Dann saßen wir auf der Kühlbox und fischten mit der Eisfischangel (kurze Angel mit ganz langem Faden dran). Es kam aber kein Fisch. Irgendwann hatten wir nasse Füße und die Nasen voll - meine vor allem - und kehrten mit leeren Händen zurück zur Anmeldugsstelle.

Glück im Fisch-Unglück: Dank des Wetters und unausreichendem Geduld hatten die wenigsten Teilnehmer viel Fisch bekommen, manche gar nicht. Preise aber wurden ausreichend gesponsert, also eins für jeden oder so, und dann wurde kollegial und lojal (oder heißt das kollektiv?) entschieden, dass diejenigen, die Fische gefangen hatten, zuerst einen Preis wählen durften. Also jeder eins. Und danach diejenigen, die keine Fische gefangen hatten, also wir zum Beispiel. - Geh du und such uns einen Preis aus, flüsterte Papa in mein Ohr. Oh, wie spannend! Auf einem breiten Tisch lagen einige Sachen, die noch übrig waren. Unter anderem ein dickes gelbes Buch. Da ich noch nicht lesen konnte, konnte ich ja nicht wissen, was das für ein Buch war, aber ich hatte Mamas Worte in den Ohren Buch ist immer ein gutes Geschenk also sei es wohl auch ein guter Preis.


Der gute Preis mit-ohne-Fisch bewies sich als ein Schulwörterbuch Schwedisch-Finnisch-Englisch, und unter anderem mit Hilfe dieses Buches absolvierte ich die finnische Gesamtschule mit sehr guten Zensuren. Außerdem ist das gelbe Buch dick und schwer genug, um dadrin Blätter und Blumen zu pressen. Also, Petri heil!

(Petri hieß übrigens ein Junge mit dem ich in der Kita gerne spielte, der mir aber immer die kaputten Playmobilfiguren gab. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Eure Johanna


Muuratjärvi, Mittel-Finnland. Foto Tino Uhlig
 

Mein Buch ist ein Buch

Tolles Gefühl, das eigene Buch in den Händen zu halten. Obwohl, da hätte ich noch was ändern können, und, ach, wer hat diese Gedichte überha...