Ach, Werther

Werther ist tot. Ich dachte, wenn ich ihn nach all den Jahren in einem Hörbuch treffe, in Originalsprache, könnte er es diesmal schaffen. Oder ich hatte Hoffnung, dass der Finnischübersetzer sich schlimm geirrt hätte und Albert käme doch in Gedanken, Werther die Pistole abzunehmen. Oder ich dachte wenigstens, dass die Geschichte jetzt gar nicht so tragisch wirken würde wie damals, als ich 22 war und an große Liebe glaubte, als Werthers Gedanken mich dermaßen mitrissen, dass ich - obwohl ich hörte dass etwas tropfte - meinen Kopf nicht drehte, um zu schauen, woher das Geräusch kam, was lediglich den neulackierten Tisch gerettet hätte, es war nämlich eine große Stumpenkerze, die da tropfte und den Lack beschädigte.

Diesmal war ich besser vorbereitet: mit einer Tafelkerze, einem angemessenen Kerzenhalter und einem Wachstuch auf dem Tisch. Mit Literatur- und Germanistikstudium, Heirat und Familie, 39 Lebensjahren. Erfahrung also, mit Konflikten und fiesen Gedanken umzugehen. Aber nichts half. Werther ist und bleibt tot. Er hat sich erschossen. Ungefähr jeder wusste, dass er das vor hatte, aber niemand versuchte ihn daran zu verhindern. Leider ist das sogar realistisch, auch heute. Ganz ohne Tränen kann ich an ihn immer noch nicht denken.

Die Neubegegnung mit Werther bringt mich in Gedanken, bei der Bücherwahl zukünftig auf besondere Schätze zu konzentrieren statt alles Mögliche zu lesen. Warum lese ich eigentlich neuere, etwas leichtsinnig geschriebene und nicht immer gut übersetze Liebesromane oder gar Krimis, wenn ich statt dessen jeden Frühling Werther lesen (oder zuhören) könnte? Und übrigens jeden Herbst Hamlet. Im Sommer brauche ich kein Buch, es ist hierzulande oft so heiß, dass ich dahin schmelze, das Buch würde nur Schweißflecke bekommen. Und im Winter schreibe ich selbst. Wozu brauche ich also Leselisten? Auch Buchladen- und Bibliotheksbesuche könten reduziert werden, da spare ich auf jeden Fall die Straßenbahntickets.

Obwohl, der Athmosphäre wegen, ist unsere moderne Backsteinbibliothek in Alt-Köpenick eigentlich ganz schön. Es ist fast wie wäre ich in Finnland in der Bibliothek meiner Kindheit, nur, Alvar Aalto hatte etwas größere Fenster einbauen lassen, und die meisten Bücher waren auf Finnisch. Ich kann natürlich auch in der Bibliothek sitzen und Werther (oder Hamlet) lesen. Aber neue Bücher zu kaufen, dass sei nun wirklich nicht mehr nötig.

Lieber Werther, ich bin älter geworden, glaube aber immer noch an die tragische, dramatische, große, ewige Liebe. Und, Werther, du bist einer meiner längsten und größten Lieben. Bleib so.

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