25 November 2015

Die Wellen



Einsamkeit, die unbeschriebene
Sehnsucht nach Mir, nach Meer –

Wellen
lecken Felsen umsonst,
ich spür         ihren Duft nicht mehr.

An welchem Tag, in welchem Jahr
hab ich das Schiff verpasst?

Ich tret ins Wasser,
     nicht kalt, nicht warm –

und die obdachlosen Wellen,
diese grünen frechen Rebellen
erobern mich sanft und stellen
mich zurück,
ins Mich hinein.


(C) Riikka Johanna Uhlig 2015

14 September 2015

Was hat Strawinsky mit Literatur zu tun

Ich war in der Musikschule und ich hatte schon mal Strawinskys Musik gehört. Ich mochte sie nicht. Ich dachte: Krach. Was dann aber geschah, erinnert mich daran, wie ich zum ersten Mal abstrakte Malerei sah - nicht nur anschaute, sondern wirklich sah.

Eine Bekannte von mir, die finnische Künstlerin Mari Aulinen, hatte eine Ausstellung in Berlin. Der Saal war voll von blautönigen Ölgemälden, in denen ich keinerlei Gestalten erkennen konnte. Sie sehen doch alle gleich aus, dachte ich. Ich verstand gar nichts. Dann entdeckte ich auf einem Beistelltisch einen Stapel Papier. Die Künstlerin hatte zu ihrer Ausstellung ein Gedicht geschrieben. Ich las es, und ich las es wieder. Ich betrachtete die Bilder erneut und las immer wieder das Gedicht. Ahaa, dachte ich. Der Text hatte mir das Tor geöffnet. Ich sah, ich interpretierte, ich verstand. Seitdem interessiere ich mich auch für moderne Malerei und nicht nur für Landschaftsbilder.

Die Welt der Literatur ist mir weitaus vertrauter als die der Malerei, und trotz meinem Hintergrund als Hobby-Musikerin scheint es vor allem mit der klassischen Musik auch so zu sein. Ravel entdeckte ich schon, als ich noch aktiv spielte, Debussy kam erst vor ein paar Jahren dazu. Dann kam Rachmaninoff und überwältigte mich. Aber Strawinsky? Pures Chaos.

So ging es auch dem Konzertpublikum, als Strawinsky einen komischen Tanz mit genauso komischer Musik uraufführte: so wird die Situation jedenfalls im Film Coco Chanel und Igor Stravinsky beschrieben. Aber was für ein schöner Tanz, wie unsere Urahnen übten sie scheinbar ihre Rituale aus. Und die Musik passte perfekt dazu! Eigentlich wollte ich nur Mads Mikkelsen sehen, aber ihn sah ich nicht: ich sah und hörte, ja, ich spürte, Igor Stravinsky.

Alles passte zusammen. Die Musik, die schwarz-weiße Farbenwelt von Coco Chanel, die wenigen Worte die gesagt wurden, auch die die nicht gesagt wurden. Ich weiß, dass das Filmemachen nicht (nur) Literatur ist, aber im Hintergrund steht ein Manuskript. Es hat jemand geschrieben, in diesem Fall Chris Greenhalgh. Er, und der Regisseur, die Schauspieler, der Musikdramaturg, die Bühnenbildner, ja selbst das Cateringservice, sie alle haben dazu beigetragen, dass mir das Tor zu Strawinskys Tonwelt geöffnet wurde. Manchmal führt eben ein Text den Leser zu einem anderen Text, oder in diesem Fall, wenn auch indirekt, zur Musik.

Der Trailer ist zu sehen unter http://www.imdb.com/title/tt1023441/.

3 September 2015

Der Fall des Schriftstellers U, Teil 3

Ich gebe auf. Entweder gibt es gar nicht viele Leute, deren Nachnamen mit einem U beginnen, oder sie schreiben nicht gerne. Es bleibt nur eine Möglichkeit: selbst eins zu schreiben. Ich werde es versuchen. Der große Meister Ernest Hemingway gab den Hinweis: "Write hard and clear about what hurts." Dem werde ich folgen.

Einem anderen Punkt der Leseliste bin ich nachgegangen, nämlich ein Buch eines Autoren / einer Autorin, der/die den Pulitzer Preis bekommen hat. Nachdem ich letztes Jahr den film Die Potein im Kino Union in Friedrichshagen sah und mochte, war mir klar: es wird eins von Elizabeth Bishop sein. Leider waren die Gedichte, die ich in einer berliner Bibliothek fand, nicht besonders gut übersetzt, oder genauer gesagt, der Klang des übersetzten Textes hat mir nicht gefallen.

Dann aber reiste ich mit meiner Familie nach England. In einem kleinen Ort Namens Church Stretton fand ich - außer handgefertigten Süßigkeiten - einen kleinen Bücherladen und da, im Lyrikregal (ja, es gab tatsächlich ein Lyrikregal und gar nicht so klein) stand es: Poems. Original auf Englisch, geschrieben von Elizabeth Bishop. Ein Glückstag! Ab jetzt werde ich ihre Gedichte in kleinen Portionen genießen. Wenn ich sie irgendwann durchgelesen habe, werde ich euch darüber berichten.

R.U.


10 July 2015

Der Fall des Schriftstellers U, Teil 2

Warum beginnt kein Schriftsteller mit U, und wenn schon, dann sein Vorname nicht mit R? Vielleicht bin ich einzigartig!? In der Bibliothek fand ich kein entsprechendes Buch, und meine Internetsuche brachte das Ergebnis, dass es zwar zwei Leute gibt, die Uhlig heißen und schon mal ein Sachbuch geschrieben hatten, sie gingen aber nicht mit einem R los, also zählen sie nicht. Interessant ist, dass es mehrere Maler Namens Uhlig gab. Aber nach Malern suche ich ja nicht.

Bei den Internethändlern ist es schwierig, nur mit Initialen zu suchen - man müsste wenigstens den Nachnamen eingeben können. In den Live-Buchläden war ich noch nicht, denn dies könnte fatale folgen haben. Unabhängig davon, ob ich ein Buch von einem R.U. fände, würde ich wahrscheinlich dieses oder jenes Buch kaufen, die ich es dann doch nicht schaffe zu lesen, weil ich ja schon viele habe.

Interessant übrigens, dass man auch in Mülltonnen Bücher finden kann. Zwar keins von dem unbekannten R.U., aber andere. Ich kann schon irgendwie nachvollziehen, dass jemand einen zu schnell geschriebenen und schlecht übersetzten Paper back -Roman in die blaue Tonne wirft, aber was machen Virginia Woolf und E.T.A. Hoffmann im Müll? Ich habe sie natürlich gerettet. Um fest zu stellen, dass ich mit der Fahrt zum Leuchtturm nicht sonderlich schneller voran komme als mit dem To The Lighthouse. Mit Hoffmann habe ich noch nicht angefangen, im Moment lese ich lieber Gedichte und Sachbücher. Aber bestimmt werde ich irgendwann auch diese "Müllliteratur" lesen. Auf jeden fall nachdem ich den mysteriösen R.U. gefunden habe.

25 June 2015

Blume

Kindheitserinnerung:
drei Wörter
in einer Blume,
nein, werde ich nicht,
Vergissmeinnicht!

18 April 2015

Blaue Momente und eine farbenfrohe Erzählung


Blå stunder


In meiner Leseliste für dieses Jahr steht ein Buch, dessen Name eine Farbe beinhaltet. Ich fand zum Glück auch andere Bücher als Fifty Shades of Grey – darüber wurde sicherlich schon ausreichend geschrieben. Stattdessen interessierte ich mich für die finnlandschwedische Lyrikanthologie Blå stunder (auch als E-Buch erhältlich), deren Texte ich als erfrischend und stimmungsvoll fand. Da ich Deutschen kenne, die große Skandinavien-Fans sind und auch Schwedisch können, traue ich mich diesen Band zu empfehlen. Mit meinem Schulschwedischen musste ich ihn mit Hilfe eines Wörterbuches lesen, was ich etwas mühsam fand. Andererseits bekam ich aber wieder Lust, meine Schwedischkenntnisse aufzufrischen. 
 
Dann griff ich noch zu einem anderen Buch mit Farbe, nämlich zum Jókai Mórs Miniroman (oder lange Novelle) Die gelbe Rose, auf Deutsch erschienen 1895. Er ist eine Erzählung aus dem ungarischen Puszta, eine Geschichte über einen Pferdehirten und einen Rinderhirten, die das gleiche Mädchen lieben. Lustig, spannend, auch traurig. Die Erzählerstimme in diesem Buch hat mich fasziniert! Interessant ist es auch zu beobachten, wie ein Gerücht sich verbreitet. Zur Symbolik der Farbe kann ich nur erwähnen, dass Gelb meistens als Farbe der Untreue und der Unzuverlässigkeit interpretiert wird, was auch in dieser Erzählung thematisiert wird. Und wer kriegt das Mädchen zum Schluss? Sag ich nicht!

Eure
Riikka



14 April 2015

Die nackte Wahrheit

Ich fuhr Dreirad, nackt,
Kissenhülle auf dem Kopf,
und sang.
An dieser Stelle
wird jemand behaupten
das sei nicht wahr.
Mag auch sein.
Vielleicht
sang ich ja gar nicht.


(c) Riikka Johanna Uhlig 2015

27 March 2015

Der Fall des Schriftstellers U, Teil 1

Ich hatte mir ja dieses Jahr eine Leseliste vorgenommen. Eine ziemliche Herausforderung für eine Langsam-Leserin, 36 Bücher in einem Jahr zu lesen. Aber eines Versuches wert jedenfalls. Auf meiner Liste stehen keine konkreten Angaben zu Autoren oder Titeln, sondern Hinweise, wie z.B. "Ein Buch, in dessen Titel eine Zahl vorkommt".

Trotz meines Literaturstudiums - Schwerpunkt finnische Literatur - hatte ich noch nie Orwells 1984 gelesen. Genau zu sein, habe ich es immernoch nicht gelesen, sondern als Hörspiel gehört. Sehr gut regiert und gespielt, diese grausame Story. Da das Buch schon unzählige Male gelesen, analysiert und kommentiert wurde, lass ich es hier sein und widme mich stattdessen einer anderen Aufgabe.

"A book written by an author with your same initials." Bis jetzt scheint mir diese die schwierigste Aufgabe zu sein. Wenn ich mit RU über Google suche, finde ich heraus, dass Ru in der polynesischen Mythologie eine Göttin der Fruchtbarkeit war. Ecosia informiert mich über im Angebot stehende russische Frauen. Über Yahoo erfahre ich, dass RU das Kfz-Kennzeichen für Burundi ist. Vielleicht gibt es dort auch Autoren, deren Initialen RU sind? Russische Frauen interessieren mich jedenfalls nicht.

Als ein Krimi-Fan fange ich an zu ermitteln und stelle mir Aufgaben: 1. Ich werde in der Bibliothek bei U suchen. 2. Ich werde in Buchhandlungen bei U suchen. 3. Ich werde in einem Autorenlexicon bei U suchen. 4. Ich werde Freunde und Kollegen befragen. 5. Ich werde im Internet suchen, ob es eventuell Autoren gibt, die so wie ich Uhlig heißen - vielleicht geht jemand von ihnen mit R los. 

13 March 2015

Im Theaterwald



Ich habe schon öfters geträumt, dass ich im Theater bin, aber entweder vergesse ich meine Repliken oder ich verpasse meinen Eintritt. In Traumdeutungsbüchern sind vielerlei Erklärungen zu finden. Die Bühne kann die von mir vorgestellte Idealwelt symbolisieren, in der ich gerne leben möchte. Oder ich bin eitel und möchte im Mittelpunkt der Bewunderung der anderen stehen (wer möchte das denn nicht). Oder aber, ich tue so, wie wäre ich was völlig anderes als ich bin (selbstverständlich tue ich das, das tun wir doch alle). Was ich nicht herausfinde, ist, was es bedeuten könnte, dass ich die Worte vergesse oder nicht weiß, wann ich eintreten sollte. Irgendwie habe ich das Gefühl, wie hätte ich mich - in aller  Öffentlichkeit - verlaufen.

Nachdem ich in meiner Jugend einige Zeit in Amateurtheatern verbracht hatte, fand ich heraus, dass der Mensch nirgendwo anders so nackt und so zerrissen, so verwundbar ist wie im Theater. Das mag paradox klingen, aber ich behaupte, dass Menschen gerade im Theater ihre Masken abnehmen müssen. Sonst wäre es nicht möglich, Gefühle Anderer zu interpretieren.

Könnte mein Traum bedeuten, dass ich wieder ins Theater möchte? Möchte ich dort spielen, so wie in meinem Traum, oder vielleicht nur die Theateratmosphäre, also die hinter den Kulissen, spüren? Vielleicht sehne ich mich nach bestimmten Personen. Oder, ich bin gerade dabei meine Maske herunter zu nehmen, und - wie es im Theater üblich ist - aus den Sachen, die ich fand, eine neue Illusion zu bauen. Um sie zu bauen, also um ein künstlerisches Objekt herzustellen, muss man zuerst seine Maske abnehmen. Man muss seinen Bauch durchschneiden, die inneren Organe in eine Reihe auf den Tisch legen und sie genauer betrachten. Was findet man? Das was man findet, wird in Worte oder Bilder oder Musik (in Illusion) umgewandelt und ausgestellt.

Vielleicht versucht mein Unterbewusstsein mir klar zu machen, dass ich in meinem Bauch noch mehr herum wühlen sollte und einiges zur Schau stellen sollte. Damit ich nichts Wichtiges verpassen würde, wie zum Beispiel meinen Eintritt. Vielleicht habe ich mein Schlagwort nicht gehört? Hat das Ganze etwas mit Lyrik zu tun oder etwa mit Kurzprosa, mit der ich mich neuerdings beschäftige? Wie hätte ich irgendwas klirren gehört. Während ich weiterhin die passenden Repliken suche, werde ich wohl ein paar Texte von mir den Anderen zur Schau stellen wollen.